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So. 14 Jul. 2024
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Aachen Sozial Preisverleihung 2023

Bekanntgabe der Preisträgerin und der Nachwuchspreisträgerin

Die vergangenen Jahre haben uns ziemlich unsanft aus unserer Komfortzone geholt und unsere Routine einfach abgeschafft. Immer müssen wir uns auf Neues, Unerwartetes einstellen und darauf reagieren. Wir alle stehen an Grenzen, die es zu überschreiten gilt – individuell, organisatorisch, gesellschaftlich. Wir sind damit konfrontiert, vieles anders und neu zu denken und zu tun. Und doch ist es schön, dass uns genau in dieser Zeit der Geist des Anfangs begegnet: einfach tun, nicht alles zerreden. Probieren und es herausfinden, statt auf Anweisungen zu warten.

Zukunft ist eine Entscheidung, und jede und jeder kann diese treffen. Genau für diesen Geist stehen die beiden Frauen, die Aachen Sozial in diesem Jahr als Preisträgerin und als Nachwuchspreisträgerin auszeichnen wird. Wir sehen dabei ganz klar, dass ein Engagement für die Umwelt und das Klima, in diesem Fall für die Weltmeere, nicht am Strand der Nordsee endet, sondern Auswirkung in die tiefsten, sozialen Bereiche unseres gesellschaftlichen Lebens hat. Die Folgen der klimabedingten Flutkatastrophe in unserer Region sind heute noch mehr als sichtbar.

Aachen Sozial zeichnet eine Frau aus, die weltweit von sich reden gemacht hat, aus Aachen kommt, hier studiert hat und seit kurzem vor den Toren der Stadt, in der Eifel lebt. Ihr Projekt und Ihr Engagement sind bereits vielfach ausgezeichnet.

Die Preisträgerin 2023: Marcella Hansch

Gründerin und Geschäftsführerin der everwave foundation gGmbH

Dem Meer eine Stimme geben

Der Plastikmüll in unseren Ozeanen ist eines der größten Umweltprobleme unserer Zeit. Meeresforscher schätzen, dass jedes Jahr bis zu 13 Millionen Tonnen Plastikmüll in den Ozeanen und Meeren der Welt landen. Und Plastik lässt sich nicht so leicht bis gar nicht biologisch abbauen. Die Lebensdauer einer einfachen Plastiktüte beträgt vielleicht „nur‘‘ 20 Jahre, aber man schätzt, dass eine Plastikflasche im Meer 450 bis 500 Jahre überlebt. Eine solche Verschmutzung hat negative Auswirkungen auf die Ökosysteme unserer Meere und Ozeane – und auf Tiere und Menschen.

Durch die Einwirkung von Salzwasser und Sonnenlicht wird der Plastikmüll in winzige Partikel zerlegt. Dieses so genannte „Mikroplastik” wird von Fischen aufgenommen und gelangt so in die Nahrungskette und schließlich auch zum Menschen. Bis zu einem Drittel aller Fische sind davon betroffen. Und genau diesen Trend will die Aachenerin Marcella Hansch mit ihrem Engagement stoppen.

Auslöser war ein Tauchgang auf den Kapverdischen Inseln. Dort erschreckte sie sich und dies nicht durch einen Fisch, der sie streifte, sondern eine Plastikflasche. Das brachte sie auf die Idee ihre Masterarbeit, die für die Architekturstudentin im Jahre 2013 anstand, ein Konzept zu entwickeln, das letztlich eines der größten Umweltprobleme unseres Planeten lösen könnte.

Nach dem Abschluss ihres Studiums begann Marcella Hansch ihre Karriere als Architektin. Doch die Weltmeere zu retten, blieb ihre treibenden Idee. Einige Zeit gab es keine wirklichen Fortschritte. Und einmal war unsere Preisträgerin sogar kurz davor, das Handtuch zu werfen, doch dann erklärte sie sich bereit, einen letzten Vortrag zu halten. Es hätte der letzte Vortrag sein können, den sie zu diesem Thema hielt, doch während des Vortrags hatte sie eine Erleuchtung und erkannte, wie wichtig ihr das Thema geworden war. „Mir wurde klar, dass ich es nicht einfach hinter mir lassen konnte”, sagt sie. Kurze Zeit später gründeten Hansch und ihre Mitstreiter eine Non-Profit-Organisation. Rund 35 Leute, darunter Ingenieure, Umweltwissenschaftler und Biologen, arbeiteten auf den Tag hin, an dem die Plattform endlich zum Einsatz kommen konnte. Sie forschen und arbeiten ehrenamtlich und tragen einen Großteil der Kosten aus eigener Tasche.

Seit 2018 widmet sie sich nun ganz ihrem Herzensprojekt. Plötzlich war sie als eine gefragte Speakerin in der Welt unterwegs, reiste nach Lissabon, Ägypten, New York und wurde sogar von der Bill und Melinda Gates Stiftung als Goalkeeper ausgezeichnet. Durch die weltweite Unterstützung konnte das Projekt weiterentwickelt werden. Heute ist everwave ein wichtiger Beitrag, um die Welt zu retten. Aber als eine deutsche Greta Thunberg sieht Marcella Hansch sich nicht. „Was können wir gemeinsam erreichen, um eine positive Entwicklung zu erzielen!“ Weltuntergang, und das mit erhobenem Zeigefinder, das ist so gar nicht ihr Ding. Dabei sammelt die everwave gGmbH heute den Müll ein, bevor er in die Meere kommt, nämlich in den Flüssen. Dort wird er vor Ort sortiert und recycelt. Vielmehr engagiert sich der gemeinnützige everwave für Information und Bildung.

Für Marcella Hansch macht es mehr Sinn, wenn jeder In Deutschland ein bisschen was tut, als wenn ein paar Wenige akribisch auf einen „Zero-Waste“ achten. Mit einem speziell für Kinder und Schulen entwickelten Umweltbildungs-Koffer möchte sie Kinder sensibilisieren. Sie sind die zukünftigen Verbraucher und Entscheider. „Kinder, die jetzt lernen mit der Natur achtsam umzugehen, werden sie später, im Erwachsenenalter, ganz anders wertschätzen und nachhaltig denken und handeln,“ so die junge Mutter von zwei kleinen Mädchen.

Der Bildungskoffer

Dieses in Zusammenarbeit mit Pädagogen und Biologen entwickelte Bildungsmaterial inspiriert anhand von Experimenten und stellt Alternativen, die zum Selber-, Quer- und Neudenken anregen, vor.

Dabei wird auf die Relevanz von Kreislaufwirtschaft aufmerksam gemacht: Wir müssen nicht nur verhindern, dass Plastik zunehmend in unsere Umwelt gelangt, ebenso wichtig ist es, Kunststoffe grundlegend sparsamer und nachhaltiger zu verwenden, Müll zu vermeiden und wiederzuverwerten. Je mehr jeder Einzelne von uns leistet und je mehr Menschen wir mitnehmen, desto sauberer werden unsere Meere.

Was die ehemalige Architektin auf diesem Weg heute antreibt, ist eine Inspiration für andere Menschen, nicht nur zu träumen, sondern ihrer Entdeckerlust zu folgen — denn im Tun verändern wir die Welt.

Auszeichnungen

10/2018 Gewinnerin des Hero of Tomorrow Award by Orange Handelsblatt 09/2018 Gewinnerin des Future Impact Maker Award 2018

04/2018 Nominierung für den EmotionAward 2018, Kategorie: Frau der Stunde

06/2017 Gewinnerin des ‚25 Frauen Award‘ – 25 Frauen, deren Erfindungen unser Leben verändern 10/2016 Gewinner Bundespreis EcoDesign 2016 – Kategorie Nachwuchs

10/2014 Nominierung GreenTec Award 2014 – Kategorie: Recycling und Ressourcen

Infos: www.everwave-foundation.de

Kontakt: education@everwave.de

Die Nachwuchspreisträgerin 2023: Fatema Alzhra Kshada

Abiturientin und Ehrenamtlerin beim Kinderschutzbund in der Einrichtung Abenteuerspielplatz zum Kirschbäumchen

Fatema Kshada, 17 Jahre, hat schon ziemlich früh auf dem Abenteuerspielplatz Kirschbäumchen ihren Platz gesucht. Durch ihre Mutter, die in der Grundschule tätig ist, die ehrenamtlich nachmittags auf dem Spielplatz geholfen, Spenden organisiert und für die Kinder gekocht hat, fühlte sie sich dort schnell zu Hause. Als kleines, schüchternes Mädchen half sie in der Küche und startete damit die heutige Tradition, dass alle neuen, jungen Ehrenamtler erst einmal in der Küche mithelfen. Größtenteils sind dort in der Betreuung auf dem Spielplatz Studenten im sozialen und pädagogischen Bereich tätig. Sie, als eine der jüngsten im Team wollte nicht nur dabei sein, sondern auch etwas tun. Sie wollte mithelfen, wollte selbstständig sein und hat sich so Stück für Stück von ihrer Mutter aus der Küche gelöst und hat da geholfen, wo sie helfen konnte, im Hüttenbau, beim Spiel und Sport, beim Mittagskreis, beim Austeilen der Mahlzeiten, beim sauber machen. Dabei hat sie für sich festgestellt, dass sie solche Aufgaben auch alleine übernehmen und nicht immer jemanden an ihrer Seite haben möchte.

Dann, als Dreizehnjährige, gab es ein Schlüsselerlebnis: Weiter unten auf dem Gelände des Abenteuerspielplatzes gab es kein Wasser. Aber zum Bauen wurde es gebraucht. Max, einer der Betreuer, musste es mit großer Mühe in Kanistern immer mit der Schubkarre dorthin bringen. Das imponierte Farema und sie wollte dies auch tun. Zwar war es unglaublich schwer, diese große, beladene Schubkarre zu schieben, doch sie wusste: „Ich kann es schaffen.“ Nach unendlich vielen Versuchen kam der Tag, an dem sie erfolgreich war und stolz allen davon erzählte. Heute erinnert sich Fatema: „Das war der Moment, wo es mich dann so wirklich gepackt hat.” Beflügelt sprühte sie vor Ideen, motivierte die anderen und hielt mit ihnen den Platz instand. So wurde z. B. auf ihre Initiative hin die Werkzeugausgabe neu gestaltet. Für eine Dreizehnjährige ein ungewöhnliches Engagement. Schnell war sie die „Leaderin” einer kleinen Gruppe von Kindern, die sie alle mochten und die sie mit ihrer Tatkraft infizieren konnte.

„Es treibt mich an, wenn ich in die glücklichen Gesichter der Kinder aus den unterschiedlichen Familienverhältnissen sehe. Kinder werden hier gesehen, ernst genommen – alles Erlebnisse, die sie ohne diesen Spielplatz nicht hätten.”

In Laurensberg geht Fatema zur Schule und macht Abitur. Die „hübsche Streberin”, wie sie von Freunden und Lehrern genannt wird, ist auch in der Schule sehr engagiert und möchte auf jeden Fall nach dem Abitur in Heidelberg Medizin studieren. Dabei strebt sie den Bereich der allgemeinen Chirurgie und Herztransplantationen an. Ihr großer Traum ist es, eines Tages eine Station als Oberärztin zu leiten. Es gibt aber rückblickend für sie nichts Tolleres, als ein Kind auf diesem riesigen Abenteuerspielplatz im Aachener Norden zu sein.

An Ehrgeiz, Empathie, Fleiß und Willen fehlt es der jungen Nachwuchspreisträgerin nicht. Es macht ihr große Freude und irgendwann kommt ein Punkt, sagt sie, wo man nicht mehr aufhören möchte, an so einer Gemeinschaft teilzuhaben und sich für die zu engagieren.

Aachen Sozial — die Preisverleihung

Die Preisverleihung „Aachen Sozial“ kann auf eine lange Reihe ehrwürdiger Preisträger zurückblicken: Oliver Schmitt und Judith Plettenberg (2022) Dr. Heike Heinen (2020), Alice und Eduard Brammertz (2019), Marco Buchholz (Nachwuchspreis 2019) Jochen Geupel (2018), Sarah Everhartz und Tim Hermanski (Nachwuchspreis 2018), Boris Bongers (2017), Lena Palm (Nachwuchspreis 2017), Ursula Kohl, Margit Kohl-Woitschik und Gisela Kohl-Vogel (2016), Stefan Küpper (2015), Tom Hirtz (2014), Wolfgang Hamm (2013), Georg Quadflieg (2012), Michael Nobis (201 1), Joachim Neßeler (2010), Dr. Meino Heyen (2009), Dr. Toni Jansen (2008) und Martin Lücker (2007) erhielten in den vergangenen Jahren die durch den Hauptsponsor Deutsche Bank mit 5.000 Euro dotierte Auszeichnung. Der mit 2.000 Euro dotierte Nachwuchspreis „Aachen Sozial“ wird seit 2017 verliehen.

Oberbürgermeisterin Sibylle Keupen hat auch in diesem Jahr die Schirmherrschaft übernommen.

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