Baesweiler. Bereits beim Betreten der Friedenskirche verändert sich die Atmosphäre spürbar: Der Duft getrockneter Blüten liegt in der Luft. Über den Köpfen der Besucher schweben tausende Pflanzen, Blüten und Federn wie ein poetischer Strom durch den Raum. Je nach Perspektive wirkt die Installation filigran und leicht oder opulent und farbprächtig. Licht, Architektur, Bewegung und Natur treten in einen lebendigen Dialog.
Mit „Natürlich.Verbunden.“ hat die Aachener Künstlerin Sandra Ganser eine raumgreifende Installation geschaffen, die weit über ein klassisches Kunstwerk hinausgeht. Entstanden ist ein sinnlicher Erfahrungsraum über Verbundenheit – zwischen Mensch und Natur, Gemeinschaft und Individuum, Stille und Begegnung.
Die Installation entstand gemeinsam mit weit über hundert Beteiligten aus unterschiedlichen Generationen, kulturellen Hintergründen und sozialen Kontexten. Kinder, Jugendliche und Erwachsene sammelten, trockneten und verarbeiteten gemeinsam heimische Pflanzen. Die künstlerische Arbeit mit Naturmaterial war für viele neu.
„Mich interessiert nicht Kunst als abgeschlossenes Werk“, sagt Sandra Ganser. „Mich interessiert, was im Raum passiert, wenn Menschen gemeinsam gestalten. Die Arbeit mit Natur kann uns wieder in Verbindung bringen – mit uns selbst, mit anderen und mit unserer Umgebung.“
Ein Werk im Dialog mit Raum und Jahreszeit
Die Installation reagiert unmittelbar auf die Architektur der Friedenskirche. Linien der Holzdecke werden aufgenommen und in den Raum weitergeführt. Vom Eingangsbereich bis über den Altar hinweg entfalten sich strahlenartige Bewegungen aus Blüten und Naturmaterialien.
Gleichzeitig greift das Werk die Qualitäten des Frühlings auf: Aufbruch, Leichtigkeit, Wachstum und Bewegung. Die Einweihung rund um Christi Himmelfahrt verstärkt zusätzlich die symbolische Verbindung zwischen Erde und Himmel.
Verarbeitet wurden rund 15.000 Blüten und Federn. Dutzende heimische Pflanzenarten finden sich im Werk – darunter Flieder, Rosen, Waldmeister, Vergissmeinnicht, Narzissen, Anemonen und verschiedene Gräser. Die Materialien wurden über Monate hinweg in der Region gesammelt und sorgfältig getrocknet.
„Die Menschen staunen oft darüber, wie viel Schönheit direkt vor ihrer Haustür existiert“, erzählt Ganser. „Durch das Sammeln verändert sich der Blick. Viele beginnen ihre Umgebung plötzlich neu wahrzunehmen.“
Kunst als offener und gemeinschaftlicher Prozess
Die Arbeiten von Sandra Ganser entstehen nicht nach starren Vorgaben. Zwar entwickelt die Künstlerin klare räumliche Rahmen, innerhalb dieser Strukturen bleibt jedoch bewusst Raum für Freiheit, Intuition und Eigenständigkeit.
„Mich interessiert nicht Perfektion“, sagt Ganser. „Mich interessiert Lebendigkeit.“
So arbeitet die Künstlerin häufig nur mit ungefähren Angaben und offenen Anleitungen. Drähte werden „etwa armlang“, Blüten so verbunden, dass sie „locker und organisch“ wirken. Es geht nicht um exakte Kontrolle, sondern um Vertrauen in das eigene Gespür.
Gerade darin liegt ein wesentlicher Teil ihrer Arbeit: Menschen erleben im gemeinsamen Tun ihre eigene Fähigkeit zu gestalten. Viele Teilnehmende entdecken dabei überraschend schnell ein Gefühl von Können, Intuition und schöpferischer Kraft.
Die gemeinschaftlichen Prozesse ihrer Arbeiten besitzen deshalb auch eine starke gesellschaftliche Dimension. Menschen unterschiedlichster Herkunft sitzen zusammen an einem Tisch, arbeiten gemeinsam und werden Teil eines größeren Ganzen. Herkunft, Alter, Sprache oder sozialer Hintergrund verlieren dabei an Bedeutung.
Ein poetischer Gegenentwurf zur Technisierung
„Natürlich.Verbunden.“ versteht sich nicht nur als Installation, sondern als offener Erfahrungsraum. Besucher erleben den Raum auf ganz unterschiedliche Weise: in Stille, im Gespräch, beim bewussten Wahrnehmen oder während begleitender Veranstaltungen wie Tanz, Klang oder Gesang.
Viele Besucher reagieren zunächst mit einem einfachen „Wow“. Danach folgt häufig etwas Ruhigeres: Innehalten. Staunen. Berührung.
„Man ist gleichzeitig überwältigt und wird ganz still“, beschreibt eine Besucherin ihre Erfahrung. „Und dann duftet es auch noch überall nach Blüten.“
Die Installation erklärt nichts und belehrt nicht. Gerade darin liegt ihre besondere Kraft. Zwischen tausenden schwebenden Blüten entsteht eine Atmosphäre, die sinnlich erfahrbar macht, was im Alltag oft verloren geht: Ruhe, Wahrnehmung, Verbindung und das unmittelbare Erleben von Natur.
So wird „Natürlich.Verbunden.“ auch zu einem poetischen Gegenentwurf zur zunehmenden Technisierung und Beschleunigung unserer Zeit.
Besuch und Begleitprogramm
Friedenskirche Baesweiler
Otto-Hahn-Straße 1
52499 Baesweiler
Die Installation ist bis zum 19.7.2026 täglich von 9-16h geöffnet.
Begleitend finden verschiedene Veranstaltungen statt, darunter: offene Chorproben, Klangmeditationen, meditativer Tanz.
Alle Termine sind zu finden unter www.senseandsensuality.de/news
Über die Künstlerin
Sandra Ganser ist eine multidisziplinäre Künstlerin aus Aachen. In ihren Arbeiten verbindet sie Naturmaterialien, Raumkunst und gemeinschaftliche Prozesse. Ihre ortsbezogenen Installationen beschäftigen sich mit Themen wie Wandel, Wahrnehmung, Natur und Verbundenheit.
Projektpartner und Förderung
Das Projekt entstand in Kooperation mit Spectrum / Rheinischer Verein sowie der Friedenskirche Baesweiler-Setterich-Siersdorf.
Gefördert durch die Städteregion Aachen, das Bistum Aachen und die Kulturstiftung der Sparkasse Aachen.

