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Professor Schumacher (79) ist tot

Antweiler „Jong“ brachte es vom Volksschullehrer in Marmagen zum anerkannten Wissenschaftler, Geobotaniker an der Uni Bonn, Erfinder des Vertragsnaturschutzes, Berater der NRW-Landesregierung, Unterstützer zahlreicher Naturschutz- und Kulturprojekte in Eifel und Börde

Mechernich-Antweiler – Niemand hat den Menschen in der Nordeifel und im Rheinland so sehr das Bewusstsein für die Notwendigkeit des Erhalts von seltener Flora und Fauna geschärft wie der Geobotaniker Professor Dr. Wolfgang Schumacher aus Antweiler. Vergangenen Sonntagabend starb der menschen- und naturfreundliche Pragmatiker im Mechernicher Hospiz „Stella Maris“ des Ordo Communionis in Christo nach schwerer Krankheit.

Er hinterlässt Ehefrau Rita, mit der seit 1968 verheiratet war, seine Söhne Bernd und Dirk, deren Ehefrauen und die drei Enkeltöchter Franziska, Johanna und Christina. Wolfgang Schumachers sterbliche Überreste werden am Dienstag, 7. November, nach Exequien um 14 Uhr in der Antweiler Pfarrkirche St. Johannes Baptist auf dem dortigen Friedhof beigesetzt.

Bürgermeister Dr. Hans-Peter Schick, der bei Schumacher promoviert hatte und seinem Doktorvater und seiner Frau bis heute eng verbunden blieb, kondolierte der Familie im Namen von Stadtrat, Verwaltung und Bürgerschaft. Der erste Bürger besuchte Professor Schumacher in den letzten Wochen mehrfach im Hospiz.

Schumacher galt nicht nur als kompetent, sondern auch als besonders bürger- und bauernnah. So fielen seine jahrzehntelangen Aufklärungsbemühungen auf fruchtbaren Boden und die Landwirte wurden seine Verbündeten im Vertragsnaturschutz, der den Erhalt von weiten kultivierten Flächen in der nordrhein-westfälischen Eifel ermöglichte, die sonst verbuscht und bewaldet worden wären.

Rückgang der Arten gestoppt

Dank Wolfgang Schumacher wissen die meisten Menschen heute, dass Narzissen und Orchideen nicht nur im Gartenfachmarkt zu haben sind, sondern an ihren ursprünglichen Formen an vielen Orten in der Eifel. Dank ihm hatte die Eifelregion in den Kreisen Euskirchen, Düren und Aachen als einzige das 2010-Ziel der Europäischen Union nicht nur erreicht, sondern sogar noch übertroffen, den Rückgang der Artenvielfalt zu stoppen.

In dem 1944 in Antweiler geborenen Naturexperten fanden zwei Talente zusammen, die man normalerweise nur einzeln antrifft: Die Freude an der wissenschaftlichen Arbeit und die Fähigkeit, deren Ergebnisse auch verständlich vermitteln zu können. „Der Schumacher kann mit den Bauern reden. Er überzeugt uns sogar von den Dingen, von denen wir gar nicht überzeugt werden wollen“, sagte einmal Friedhelm Decker, der frühere Präsident des Rheinischen Landwirtschaftsverbandes.

„Wenn man glaubt, man könnte als Einzelkämpfer Naturschutz betreiben, dann ist man auf dem Holzweg“, erzählte Professor Schumacher im Interview. Sein Interesse für die Natur hat der Antweiler in der Kindheit durch seine Lehrer vermittelt bekommen. Dies ist wohl auch ein Grund dafür, dass er selbst der Meinung war, dass Schule Spaß machen und die Kinder motivieren muss, selber etwas zu lernen.

„Lehrer zu sein, ist ein ganz besonderer Beruf“, sagte Schumacher aus Anlass seiner Bundesverdienstkreuzverleihung durch den damaligen Landesumweltminister Johannes Remmel im Euskirchener Kreishaus. Nach Abitur und Lehramtsstudium trat Schumacher im Januar 1967 zunächst selbst seinen Dienst als Volksschullehrer in Marmagen an.

Persönliche Briefe ins Hospiz

 Diese Zeit bezeichnete als „spannend“ und auch das ist typisch Schumacher: zu zahlreichen seiner ehemaligen Schüler pflegte er noch lange Kontakt. Auch im Alter, im Krankenhaus und zuletzt im Hospiz erreichten Wolfgang und Rita Schumacher zahlreiche Briefe, aus denen die Hochachtung, aber auch die Verbundenheit sprachen. Professor Schumacher pflegte auch in Glaubensfragen einen intensiven Austausch mit befreundeten Theologen.

Parallel entwickelte er in seiner Marmagener Zeit immer mehr Geschmack am Wissenschaftsbetrieb, so dass er von 1970 bis 1975 Biologie an der Bonner Universität studierte und mit dem ersten Staatsexamen abschloss. 1976 promovierte er mit einer vegetationskundlichen Dissertation zum „Dr. rer. nat.“ und war dann bis 1985 Wissenschaftlicher Assistent und Akademischer Rat im Biologie-Seminar der Pädagogischen Fakultät.

1983 habilitierte sich der Antweilerner, 1985 wurde er zum ordentlichen Professor für Geobotanik und Naturschutz an der landwirtschaftlichen Fakultät der Universität Bonn berufen. Von 1999 bis 2002 war Wolfgang Schumacher Abteilungsleiter für Landwirtschaft, Gartenbau und Ländlichen Raum im Ministerium für Umwelt und Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Landes NRW.

Schumachers Einsatz für den Naturschutz in der Eifel fing bereits während seiner Zeit als Volksschullehrer in Marmagen an. „1968/69 machte ich dort mit meinen Schülern die erste Ausstellung zum Thema Natur und Landschaftsschutz im Kreis Schleiden“, erinnerte er sich in einem Gespräch mit der Agentur ProfiPress. Man habe gemeinsam Müll gesammelt und sich gegen das Spritzen der Straßenränder ausgesprochen: „Damals wurden noch allüberall Herbizide ausgebracht“.

Naturschutzwelle ausgelöst

Er ermutigte seine Schüler, sich persönlich für den Naturschutz zu engagieren. Eine regelrechte „Wellenbewegung“ für den Naturschutz setzte dann 1970 ein, als im Kreis Schleiden das „1. Europäische Naturschutzjahr“ ausgerufen wurde. In Aachen gründete man damals eine von Regierungspräsident Hubert Schmitt-Degenhardt initiierte Interessengemeinschaft Biologischer Umweltschutz.

Dieses Modell übernahm Schumacher für den Kreis Schleiden (später Euskirchen) und stellte eine gleichnamige AG auf die Beine, die Keimzelle des heutigen Kreisverbandes Natur- und Umweltschutz (KNU), dessen Gründungsversammlung 1971 in Marmagen stattfand. Der erste Vorsitzende war Armin Schmidt, Lehrer am Gymnasium Am Turmhof in Mechernich.

1976 wurde Wolfgang Schumacher Vorsitzender des Landschaftsbeirates im Kreis Euskirchen. Diesen Posten hatte er 18 Jahre lang inne: „Damals befand sich die Untere Landschaftsbehörde des Kreises gerade im Aufbau, und der Beirat genoss eine starke Stellung“.

Unter Schumacher initiierte der Landschaftsbeirat zahlreiche Pilotprojekte, das erfolgreichste war „Landwirte pflegen Biotope“. „Dafür hatten in den besten Jahren eine Million D-Mark zur Verfügung“, erinnert sich der Wissenschaftler und Menschenfreund im Interview.

Der Landschaftsbeirat war auch maßgeblich am Aufbau der Biologischen Station in Nettersheim beteiligt: „Diese Einrichtung kümmerte sich schließlich professionell und dauerhaft um die Projekte wie beispielsweise meinem Lieblingsprojekt, dem Vertragsnaturschutz.” Am Anfang sei es allerdings nicht leicht gewesen, die Landwirte von diesem Projekt zu überzeugen. In der Spitze hätten dann kreisweit über 200 Landwirte mitgemacht, die man habe überzeugen können, nicht zuletzt aufgrund der finanziellen Entschädigung.

Nach der Emeritierung hatte Prof. Dr. Wolfgang Schumacher mehr Zeit für den Vorsitz der NRW-Stiftung „Natur, Heimat und Kultur“. In dieser Eigenschaft sorgte er für die Förderung zahlreicher kultureller und biologischer Projekte im Kreis Euskirchen aus Lotterieerlösen.

Mit Loki Schmidt in den Narzissen

Überregional bekannt wurde Professor Schumacher vor allem für seinen Einsatz bezüglich der Narzissenwiesen am Perlbach, im Fuhrtsbachtal und im Oleftal. 1979 feierte er dort das erste Narzissenfest mit Loki Schmidt, der Gattin des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt. Darüber hinaus hat er sich intensiv für den Erhalt der Wacholderhänge bei Alendorf oder der Orchideengebiete in der Sistiger/Krekeler Heide und im Seidenbachtal bei Blankenheimer Dorf eingesetzt.

Forschungsschwerpunkte von Professor Wolfgang Schumacher waren Flora und Vegetation des Rheinlandes, die Biodiversität der Kulturlandschaft und Integrative Naturschutzstrategien und -konzepte. Ehrenamtlich war er seit 1987 Vorstandsmitglied und seit 2005 Vizepräsident der NRW-Stiftung „Natur, Heimat und Kultur“.

Von 1994 bis 2003 war er Vorsitzender des Naturhistorischen Vereins der Rheinlande und Westfalens, seit 2003 darüber hinaus Vorstandsmitglied der Stiftung „Rheinische Kulturlandschaft“ und Mitglied in zahlreichen naturwissenschaftlichen Vereinen, Gesellschaften, Naturschutzorganisationen und Stiftungen.

Er erhielt 1976 den Albert-Steeger-Preis des Landschaftsverbandes Rheinland, 1981 die Silberpflanze der Loki-Schmidt-Stiftung, 1982 den Umweltpreis des Kreises Euskirchen, 1987 das Bundesverdienstkreuz und 2008 die Schmitt-Degenhardt-Medaille des Naturparks Nordeifel. Schumacher veröffentlichte weit über hundert wissenschaftliche Artikel und zahlreiche Fachbücher. 2019 bekam er im Mechernicher Rathaus den begehrten Rheinlandtaler.

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