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Rückblick auf ihr Leben

Karlspreisträgerin und Bundeskanzlerin a.D. Angela Merkel zu Gast im Kurhaus - Signierstunde und Lesung in Aachen

Aachen. Am Mittwoch, 30. September, war Angela Merkel zu Gast im Kurhaus Aachen. Ab 19 Uhr las die ehemalige Bundeskanzlerin aus ihrer Autobiografie „Freiheit“, die sie gemeinsam mit ihrer langjährigen politischen Beraterin Beate Baumann verfasst hat.

Die Veranstaltung in Aachen wurde organisiert von Aachen Event und der Buchhandlung Schmetz am Dom. Merkel betonte unter minutenlangem Applaus, dass sie gerne ins schöne Aachen komme und vielleicht auch einmal wiederkehren würde. 2008 hatte sie für ihre politischen Verdienste im Krönungssaal des Aachener Rathauses den Karlspreis erhalten.

In ihren Erinnerungen blickt Merkel auf ihr Leben in zwei deutschen Staaten, ihre politische Laufbahn und 16 Jahre als Bundeskanzlerin zurück. Merkel blickt auf ihre Kindheit und Jugend in der DDR, das Jahr 1989 und ihre Zeit als Bundeskanzlerin zurück. Merkel führte die Bundesregierung von 2005 bis 2021. Dabei erzählt sie von prägenden Begegnungen, politischen Entscheidungen und Gesprächen mit den Mächtigen der Welt.

Vor ihrer ausverkauften Lesung signierte sie ab 16 Uhr Bücher am Münsterplatz in der Buchhandlung Schmetz am Dom, wo sich lange Warteschlangen von begeisterten Autogrammjägern bildeten. Der Eintritt war kostenlos. Besucher brauchten jedoch ein zuvor reserviertes Einlassticket.

Angela Merkels Erinnerungen sind ein international gefragter Bestseller

16 Jahre trug Angela Merkel die Regierungsverantwortung für Deutschland, führte das Land durch zahlreiche Krisen und prägte mit ihrem Handeln und ihrer Haltung die deutsche und internationale Politik und Gesellschaft. Doch natürlich wurde Angela Merkel nicht als Kanzlerin geboren. In ihren gemeinsam mit ihrer langjährigen politischen Beraterin Beate Baumann verfassten Erinnerungen schaut sie zurück auf ihr Leben in zwei deutschen Staaten – 35 Jahre in der DDR, 35 Jahre im wiedervereinigten Deutschland. Persönlich wie nie zuvor erzählt sie von ihrer Kindheit, Jugend und ihrem Studium in der DDR und dem dramatischen Jahr 1989, in dem die Mauer fiel und ihr politisches Leben begann. Sie lässt uns teilhaben an ihren Treffen und Gesprächen mit den Mächtigsten der Welt und erhellt anhand bedeutender nationaler, europäischer und internationaler Wendepunkte anschaulich und präzise, wie Entscheidungen getroffen wurden, die unsere Zeit prägen. Ihr Buch bietet einen einzigartigen Einblick in das Innere der Macht – und ist ein entschiedenes Plädoyer für die Freiheit.


Aus dem Prolog

Dieses Buch erzählt eine Geschichte, die es so nicht noch einmal geben wird, schon weil es den Staat, in dem ich 35 Jahre gelebt habe, seit 1990 nicht mehr gibt. Wäre sie einem Verlag frei erfunden als Roman angeboten worden, hätte man sie abgelehnt, sagte ein Gesprächspartner Anfang 2022 zu mir, wenige Wochen nach meinem Ausscheiden aus dem Amt als Bundeskanzlerin. Er kannte sich mit solchen Fragen aus und freute sich, dass ich mich entschlossen hatte, dieses Buch zu schreiben, und zwar genau wegen seiner Geschichte. Einer Geschichte, die ebenso unwahrscheinlich wie real ist. Mir wurde klar: Sie zu erzählen, Linien nachzuzeichnen, ihren roten Faden zu finden, Leitmotive zu benennen, das kann auch für die Zukunft von Belang sein.

Lange Zeit konnte ich mir nicht vorstellen, ein solches Buch zu schreiben. Das änderte sich erstmals 2015, zumindest ein wenig. Damals hatte ich entschieden, die in der Nacht vom 4. auf den 5. September aus Ungarn kommenden Flüchtlinge an der deutsch-österreichischen Grenze nicht abweisen zu lassen. Diese Entscheidung, vor allem ihre Folgen, erlebte ich als eine Zäsur in meiner Kanzlerschaft. Es gab ein Vorher und ein Nachher. Damals nahm ich mir vor, eines Tages, wenn ich nicht mehr Bundeskanzlerin sein sollte, den Ablauf der Ereignisse, die Motive meiner Entscheidung, mein mit ihr verbundenes Verständnis von Europa und Globalisierung in einer Form zu schildern, die nur ein Buch ermöglicht. Ich wollte die weitere Schilderung und Interpretation nicht allein anderen überlassen. Noch aber war ich im Amt. Es folgten die Bundestagswahl 2017 und meine vierte Amtszeit. In deren letzten beiden Jahren war die Eindämmung der Coronavirus-Pandemie das alles beherrschende Thema. Die Pandemie war, wie ich öffentlich mehrfach sagte, eine einzige demokratische Zumutung: persönlich, national, europäisch, global. Sie war damit zugleich der Anstoß, den Blick zu weiten und nicht allein über die Flüchtlingspolitik zu schreiben. Wenn schon, dann richtig, sagte ich mir, und wenn, dann zusammen mit Beate Baumann. Sie berät mich seit 1992 und ist Zeitzeugin.

Am 8. Dezember 2021 ging ich aus dem Amt. Nach sechzehn Jahren verließ ich es, wie ich beim Zapfenstreich der Bundeswehr zu meinen Ehren einige Tage zuvor gesagt hatte, mit Fröhlichkeit im Herzen. Zum Schluss hatte ich diesen Moment regelrecht herbeigesehnt. Genug war genug. Nun galt es, Pause zu machen, einige Monate auszuruhen, die Atemlosigkeit der Politik hinter mir zu lassen, um ab Frühsommer 2022 langsam und tastend ein neues Leben zu beginnen, zwar immer noch ein öffentliches, aber kein politisch aktives mehr, den richtigen Rhythmus für öffentliche Auftritte zu finden – und dieses Buch zu schreiben. Das war der Plan.

Dann kam der 24. Februar 2022, Russlands Angriff auf die Ukraine. Sofort war klar, dass es völlig ausgeschlossen war, dieses Buch zu schreiben, als wäre nichts geschehen. Schon die Jugoslawienkriege Anfang der 1990er Jahre hatten Europa erschüttert. Doch Russlands Überfall der Ukraine stellte mehr infrage. Er war ein völkerrechtswidriger Akt, der die europäische Friedensordnung nach dem Zweiten Weltkrieg erschütterte, die auf der Wahrung der territorialen Unversehrtheit und Souveränität ihrer Staaten gründete. Tiefe Ernüchterung folgte. Auch darüber werde ich schreiben. Doch dies ist kein Buch über Russland und die Ukraine. Das wäre ein anderes Buch.

Ich möchte vielmehr die Geschichte meiner beiden Leben erzählen, des ersten bis 1990 in einer Diktatur und des zweiten seit 1990 in der Demokratie. Sie sind zu dem Zeitpunkt, da die ersten Leserinnen und Leser dieses Buch in den Händen halten, ungefähr gleich lang. Zweimal 35 Jahre. Doch in Wahrheit sind es natürlich nicht zwei Leben. In Wahrheit ist es ein Leben, und der zweite Teil ist ohne den ersten nicht zu verstehen. Wie kam es, dass eine Frau nach den ersten 35 Jahren ihres Lebens in der DDR das mächtigste Amt, das die Bundesrepublik Deutschland zu vergeben hat, übernehmen und sechzehn Jahre lang bekleiden durfte? Die es wieder verließ, ohne während einer Amtszeit zurücktreten zu müssen oder abgewählt worden zu sein? Wie war es, in der DDR als Pfarrerskind aufzuwachsen und unter den Bedingungen der Diktatur zu leben, zu studieren und zu arbeiten? Wie war es, den Zusammenbruch eines Staates zu erleben? Und wie, plötzlich frei zu sein? Davon will ich erzählen.

Natürlich ist die Schilderung zutiefst subjektiv. Zugleich habe ich mich um aufrichtige Selbstreflexion bemüht. Heute als falsch Eingeschätztes werde ich benennen, für richtig Gehaltenes verteidigen. Dabei ist dies kein lückenloser Bericht. Nicht alle werden sich in ihm wiederfinden, die davon vielleicht ausgehen oder von denen es erwartet wird. Dafür bitte ich schon jetzt um Nachsicht. Mein Ziel ist es, Schwerpunkte zu setzen, durch die ich die schiere Masse des Stoffes zu bändigen versuche und nachvollziehbar machen möchte, wie Politik funktioniert, welche Prinzipien, welche Mechanismen es gibt – und was mich geleitet hat.

Politik ist kein Hexenwerk. Politik wird von Menschen gemacht. Menschen mit ihren Prägungen, Erfahrungen, Eitelkeiten, Schwächen, Stärken, Wünschen, Träumen, Überzeugungen, Werten, Interessen. Menschen, die in einer Demokratie für Mehrheiten kämpfen müssen, wenn sie etwas durchsetzen wollen.

Wir schaffen das – kein Satz ist mir in meiner gesamten politischen Laufbahn so sehr um die Ohren gehauen worden wie dieser. Keiner hat so polarisiert. Für mich jedoch war dieser Satz banal. Er war Ausdruck einer Haltung. Man kann sie Gottvertrauen nennen, Zuversicht oder einfach die Entschlossenheit, Probleme zu lösen, mit Rückschlägen fertigzuwerden, Tiefpunkte zu überwinden und Neues zu gestalten. »Wir schaffen das, und dort, wo uns etwas im Wege steht, muss es überwunden werden, muss daran gearbeitet werden.« So habe ich es in meiner Sommerpressekonferenz am 31. August 2015 gesagt. So habe ich Politik gemacht. So lebe ich. So ist auch dieses Buch entstanden. Mit dieser Haltung, die auch eine Erfahrung ist: Alles ist möglich, weil nicht nur die Politik dazu bei-trägt, sondern jeder einzelne Mensch seinen Anteil daran haben kann.

Quellen:
kiwi-verlag.de
Buchhandlung Schmetz am Dom

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